Blaue Flügelbrechung

 

Ich male blaue Flügel,

blaue Flügel sollen es sein,

werden, sein.

 

Und wenn ihr sie brechen wollt, los, brecht sie,

ihr werdet blaues Licht brechen,

ins Innere und Äußere

und noch heller

werden sie

sein,

 

losgelassen,

blau,

 

frei

 

werden sie werden,

werden sie sein.

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Offene Tür aus Surfbrettern

 

Niemand ist so wie ich, denn ich bin ein individuelles Wesen,

phänomenologisch vergessen.

Denn der Mensch klammert sich an das Gemeinsame, er übersieht gern, dass wir uns

kaum verstehen, kaum verständigen können,

kaum die gleiche Wellenlänge surfen und wenn, nicht an gleichem Ort auf gleichem Brett.

Das ist so traurig schön, denn uns gehört eine eigene Welt,

ganz uns, gesamt.

Doch wenn ich dich zu kennen meine,

wenn ich dich zu lieben meine, kann ich dir nur beschreiben,

wie es bei mir aussieht und

dich willkommen heißen und, wenn du kommen willst,

dann kannst du meine Welt doch nie sehend betreten.

 

Kannst du je ganz bei mir sein, oder sind wir für immer allein?

Wir streiten verzweifelt, damit das Unverständliche, Verschiedene,

phänomenologisch für immer Getrennte verschwinden möge

!

Doch es bleibt, bis zum bittersüßen Ende, unsere eigene Welt.

 

Ich öffne meine Welt für deine Welt, heiße dich willkommen und wenn du

kommen willst,

baue ich deine Welt in meine.

Lass uns leidenschaftlich darüber streiten,

ob die Fenster nach Norden oder Süden ausgerichtet sein sollen,

ob sie nach Westen oder Osten ausgerichtet sind.

Wir bauen eine offene Tür aus unseren Surfbrettern.

 

Regenbogenherz

Ewig Kind sein, ewig blind sein.

Ewig sehen, was doch wirklich ist.

Ewig zum Lachen bringen.

 

Obwohl ihr denkt, ihr würdet belächeln,

öffnet sich euer Herz so ehrlich und zu so großem Lachen,

wie es nur ein ewig junges, ewig gerechtes, ewig blindes

Lachen eines Kinderblickes

zu öffnen vermag,

aus großem Regenbogenherzen.

 

Es sieht in Wundern,

wundert sich über Liebe,

liebt das Aufwachen,

wacht auf,

um jeden Tag regenbogenfarben zu leben,

lebt, um

unser aller Leinwand zu füllen.

Weg zum Weltsinn

Du musst laufen, tanzend, stolpernd, doch umdrehen sollst du dich nicht.

Am Weltende musst du flüstern,

damit der Himmel nicht erschrickt, dann dich schaukeln,

damit der Wind dich erkennt.

Tanzen, damit du in die fliegende Schwingung gelangst, die dich zu den

Energiewellen trägt, in sie springen,

alles hinter dir lassen,

sie in dich aufnehmen.

 

Das reinste Herz darfst du mitnehmen,

einen Kuss und

die Liebe zur Welt.

 

Kopf unter, dann über Wasser sollst du schwimmen, bis du den Ort erreichst,

an dem Himmel und Erde im Indigo eins werden.

 

Dort wirst du erkennen, dass wir immer in den Horizont gesehen haben,

ihn gesucht haben, um ihn als Begrenzung anzusteuern.

Ihn selbst geschaffen haben, um einen Fokus zu finden in der verschluckenden Größe des Seienden.

Ein Leben mit Grenze, für diejenigen, die Größe fürchteten.

Ein Leben für die Grenze, für diejenigen, die es liebten sicher zu stehen und doch neugierig die Augen öffneten.

Ein Leben an der Grenze, für diejenigen, die die Tür dort wussten und es vermochten in zwei Welten zu leben.

Ein Leben ohne Grenze, für diejenigen, die ihre Flügel unter dem Pulli versteckten und

Unendlichkeit in unsere Welt lotsten.

 

Der Horizont war keine Grenze, er war nie da. Er ist nichts.

Er ist alles, verstehst du?

Er ist unendlich.

Kleines Kaninchen keiner Zeit

Wieder und immer wieder tickt die alte Küchenuhr in meinen Ohren, von einem wandert das Geräusch in das andere. Tack-tick, tick-tack. Die Zeit ist die größte Taktikerin, entschlossen stets zukunftsorientiert, emotional abgetrennt und gläsern dreinblickend, veredelnd, ausstellend, verkostend und unbarmherzig frei. Engel und Feind, guter Wille des Bösen, böses Spiel des guten Winks.

Tack-tick.

Jede Sekunde hört sich so gleich an. Wie kann es sein, dass so viele gleich klingende Sekunden bestehen können, die parallel aufeinander aufbauen und gleichzeitig aufeinander folgen und einen Zeitablauf kreieren, einander ablösen und gänzlich ersetzen, gänzlich auslöschen, durch feuern befördern in ein zu einem Etwas dokumentierten Nichts. Ein Haus ohne Gerüst, das den Geist eines Gerüsts zu wissen nicht braucht, zu wissen es doch aber lieber entscheidet, unabhängig von der Existenz eines Gerüsts, und trotzdem ein schwebendes Dach hätte, wären die Mauern so schief, wie sie eben auch sind. Eine Sekunde braucht die vorangegangene Sekunde zur Erhaltung des Lebens und trotzdem wäre sie ohne die Existenz einer vorangegangenen Sekunde die gleiche. Sie lacht diese aus, spielt mit ihr und liebt sie kurz und intensiv, lässt sie fallen und behält die Hülle der leblosen Vergangenheitssekunde – als Nahrung und als Trophäe. Sie ist in abhängiger Unabhängigkeit gefangen und schwingt in verführerischem Tanz für die Dauer einer präsenten Sekunde in die Zukunft, in die Vergangenheit, und verschwindet nichtssagend, sich nicht aufbäumend, wissend ergeben, gänzlich, ohne ein letztes Lebenszeichen, ohne ein verzehrendes Verglühen, klein. Sie dauert doch nur das Schlagen eines einzigen Ticks in die immer gleiche Richtung, in immer gleichem Klang.

Ich passe genau auf, wie und wie oft die alte Küchenuhr tickt und ich weiß gar nicht wie mir geschieht, als dieser scharfe Bleistift Sekunden meines Lebens von mir abtrennt, indem er sie in die Vergangenheit malt, eine nach der anderen, und ich sitze daneben mit offenem Mund und kann nur überlegen, ob ich stumm danebensitze, schreie oder davonlaufe oder was ich davon am liebsten tun würde.

Ich sitze schreiend daneben, bereit davonzulaufen, doch weiß ich, dass die unbarmherzige Küchenuhr ihre Sekunden nach mir schmeißt, als schösse sie mit tausend gekränkten Zeigern auf mich, als zöge sie gegen mich in einen lächerlichen Krieg, in dem ich in jedem Fall als lebender Verlierer mit geknicktem Kopf und zerschossenem Herzen hinausgehen würde, davon in meine determinierte Zukunft, davon auf einen mir vorgeschriebenen Weg. Die kleine Küchenuhr sitzt auf einem unantastbaren, unweigerlich unmittelbaren Thron, dem der Zeit, dem der keinen Zeit. Und ich bete sie an, ergebene Bürgerin, ergebene Bewunderin, ewig badend in bitterer Melancholie, ewig knisternd in der feurigen Hoffnung auf das Etwas im Nichts oder das Nichts im Etwas, ewig knisternd in der feurigen Hoffnung auf beides zusammen, denn nur zusammen kann ich mit der Zeit dauern, nur so kann ich aus der Melancholie hinauswachsen in klingende Glücksdreiklänge, zeitlos.

Kleines, kleines Kaninchen keiner Zeit, kleines.

Die Küchenuhr ist weiß und rund und schön und kalt und alt, sie ist sich selbst zum Opfer geworden. Sie atmet laut und schreiend. Doch ihre Seele wird immer weiterlaufen, egal in welchem Körper, egal in welchem Uhrengehäuse – dem einer modischen Armbanduhr, einer provisorischen Sonnenuhr, einer antiken Taschenuhr, ja sogar dem Anzahlgehäuse der Baumringe eines alten Weisen – die Zeit überdauert.

Was ist, wenn ich die Uhr bin und ich bin weiß und rund und schön und kalt und irgendwann alt, ich atme laut und schreiend. Und ich werde ihrem Geist zum Opfer und versuche zu laufen, um zu überdauern, um mein alterndes Leben zu laufen, um zu überdauern, und trotzdem wird sie lächelnd an meiner Seite fliegen, mitfühlend und herablassend genau an meiner Seite und in meiner Geschwindigkeit, obwohl sie schon am Ende meines Laufs war, bevor mein Startschuss überhaupt gefallen war.

Was ist, wenn mein Gehäuse mit der Zeit rennt und mir am Ende die Hand gereicht wird, von der Essenz der alten Küchenuhr und sie mir zuzwinkert und mich in ihren überdauernden Arm nimmt, mit? Und mein Gehäuse fällt, durch ein heftiges Erdbeben, das den Nagel aus der Wand reißt, an dem die alte Küchenuhr befestigt war, zu Boden und bricht in mindestens vier entscheidende Teile, unverrückbar verrückt.

Was ist, wenn ich keine Zeit brauche, da ich es selbst bin und, egal ob die Uhr von der Wand fällt, weil ich wütend mit einem Teller nach ihr werfe, die Zeit nicht erloschen ist, sondern tausendmal gezeichnet wurde, wird und werden wird, und sie doch immer die gleiche ist und immer da. Sie überdauert.

Was ist, wenn ich auch noch da bin, ein kleines Kaninchen keiner Zeit, das von sich denkt es sei ein kleines Kaninchen keiner Zeit doch eigentlich –  ist es mit der Zeit die Zeit?

Zeitloch

Manchmal fühlt es sich so an, als säße ich in einem Zeitloch,

malend.

 

Die Uhr ist längst erloschen

und der Pulli um mich wächst zu einem Meer, in dem ich

ertrinke, um endlich zu atmen, mit

Schmetterlingen

im Magen. –

 

Der Regen schmeißt nach mir

in sanften Klängen

und

meine Augen sehen vorsichtig

aus meinen Haaren,

auf eine Welt,

die sie

verzehrend

lieben.

Alter Schiffsbauer

Es ist in deine Gene eingeankert worden,

vom alten Schiffsbauer, der meinen Stammbaum über die Kontinente trägt, leicht wie einen Sommerwind mit körnigem Salzgeruch, dem Aspekt der lustigen Freiheit.

Kleines, Kleines, wenn du die Schmetterlinge ausgespuckt hast,

bist du eine Denkerin,

ein einsamer Schreiberling,

ein Spiegel der Gravitationswellen,

ein verwundertes Kind über das verwundete Prinzip.

Alter Schiffsbauer, noch treibst du mich nach Süden, die Augen des Geistes entgeistert, um der Sonne zu folgen.

So möchte ich doch die Arme der Antarktis lesen lernen, die in die Arktis zeigen, aufgeregt und weise,

so möchte ich doch mit den weißen Riesen sprechen, den Eisbären, meinen Freunden,

über unsere gemeinsame Gezeit.