Avocados für Fred

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Avocados für Fred

 

Unbedarft schlich sie sich ins Wohnzimmer und fixierte den Fernseher skeptisch ohne ihn einzuschalten. Trotzig verschränkte sie die Arme und neigte ihren Kopf von links nach rechts und von rechts wieder nach links. Ihre Füße waren kalt, doch sie hatte vergessen, wo die Pantoffeln standen. Deshalb setzte sie sich auf die beige Couch, zog die Beine fest an ihren Körper und vergrub die Zehen unter ein kuschelig aussehendes Kissen.

Die Wanduhr hatte sie schon immer verrückt gemacht, weil sie in einer Lautstärke tickte, die die unüberhörbarste aller Lautstärken war – sie beschloss den Pendel einfach abzunehmen. Als sie aber aufstehen wollte, blieb ihr Zeigezeh am Couchtisch hängen und sie begann laut zu fluchen. Kurzerhand schlug sie daraufhin die Glasplatte des Tisches mit ihrer Faust kaputt. Verwundert musterte sie ihren Handballen, der durch die Scherben angefangen hatte heftig zu bluten. Große dunkelrote Tropfen fielen auf den weißen, gut gepflegten Teppich und saugten sich in ihn hinein. Erschrocken zog sie scharf die Luft ein und verschluckte sich daran. Unregelmäßig und heftig hustend fasste sie sich ans Kinn, wobei die Hand ihren hellblauen Pyjama streifte und sofort Flecken verursachte. Wütend wurde der Pyjama über den Kopf gezogen. Mit beiden Händen riss sie fest an dem großen Teppich, um ihn zu entfernen – sie war ihn leid – und wollte ihn einfach zur Tür hinausschmeißen. Als erstes kippte die hohe Vase ihrer Schwiegermutter um und zerbrach in viele kleine Scherben – was nicht weiter störte, da die Vase immer schon zu dickbäuchig und überhaupt unpraktisch gewesen war. Nun war die hässliche Vase wenigstens wirklich kaputtgegangen. Als nächstes brach aber ein Bein des alten Diwans von Urgroßmutter ab. Normalerweise hätte ihr das Herz geblutet, nun lachte sie laut kreischend auf, Tränen standen in ihren Augenwinkeln – es war ein Fast-Grund noch wütender zu werden und sie zog so fest an dem Teppich, dass sich ein Stück Gewebe von ihm löste. Das Gleichgewicht verlierend donnerte sie halbnackt rückwärts in den mexikanischen Bauernschrank, der hinter ihr an der Wand zur Küche stand. Seine krummen Vorderbeine lösten sich für zwei Sekunden vom Boden, während er an die Küchenwand gewuchtet wurde. Seine blaue Farbe hinterließ große Schlieren auf der weißen Wand. Ein schnelles Luftschnappen. Ohne zu zögern ging sie mit drei festen Schritten in die Küche, dann sie griff nach der Kanne voll kalt gewordenem Filterkaffee von heute Morgen, die unbewusst in der Intention stehen gelassen worden war von ihr aufgeräumt zu werden. Mit einer langen Bewegung ihrer kurzen Beine hüpfte sie in einem Schritt vor die Wand mit dem Schrank. Beinahe schreiend begann sie „Jolly Good Fellow“ zu singen, als sie ruckartig den Kaffee auf die blauen Kratzer schüttete. Die Kratzer waren immer noch sichtbar und, weil die Wand nun bräunlich und ihr das sowieso egal war, knallte sie die gläserne Kanne mit Schwung noch darauf und genoss das Klirren der feinen Scherben. Ein Fast-Glückstag war heute! Sie warf ihren Kopf zurück und lachte gellend und warf ihn wieder vor und nochmal zurück.

 

Als ihr Mann Fred nach Hause kam, saß sie nackt auf dem leeren Parkettboden, neben sich ein Häufchen feiner und grober Scherben. Er zog sich aus, bevor er sich neben sie setzte, woraufhin sie ihn lächelnd in den Arm nahm. „Sieh nur, was ich angerichtet habe“, sagte sie. „Es tut mir leid“, erwiderte er. „Mir nicht“, wunderte sie sich. „Komm in die Küche, es gibt Essen“, er zog sie an einer Fingerspitze, dann kitzelte er ihren Nacken. „Keinen Hunger. Keinen Hunger“, sie schüttelte den Kopf. „Iss ohne mich. Ich gehe Avocados pflücken.“

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