Wie wir uns nennen

Als der Reisende sich umsah, hatte er sein Herz geleert, damit er gehen konnte. Er tat vierundzwanzig Schritte, doch am Boxing Day stürmte es schrecklich und sein leeres Herz füllte sich mit zu viel Luft. Es wurde aufgeblasen wie ein Ballon, viel zu rund für seinen zarten und von der Reise erschöpften Körper. Hustend verlor er das Gleichgewicht und fiel auf die Knie, sie waren mit Leichtigkeit zu schwer, aber er empfand sie als magnetisch.

Was sollte er nun tun? Die Menschen hatten kein Gesicht und einen Ordner voller Dateien über ihr Leben unter dem Arm, voller aufgezeichneten Hoffnungen – bei einem Fehltritt wurden fünfundzwanzig Seiten Begründung mit eingeheftet.

Seine Tage vergingen und der Asphalt verschmolz mit seinen Kniescheiben. Immer schneller vergingen die Menschen an ihm und sie gingen von ihm fort. Sie sahen ihn nicht, denn sie sahen nur seine graue Farbe, die sich von der ihren nicht unterschied. Sie hatten vergessen aufzuatmen. Zu tanzen war von einer anderen Art, es war die Tätigkeit der Verlierer und die der Verrückten.

Eines Tages lud sich eine Schülerin nach einem Tag des Scheiterns wortlos hundertfünfundzwanzig neue Dokumente in ihren Ordner und als sie ihn unter den Arm nehmen wollte, reichte die Länge ihres Arms nicht aus um ihn festzuhalten. Der Ordner war zu dick. War sie zu jung oder zu alt? Überrascht streckte sie ihren zweiten Arm aus und umarmte den Ordner fest, damit sie ihn nicht verlor. In der selben Sekunde erinnerte sie sich an das Gefühl der Wärme, wenn ihr Großvater sie als Kind in den Arm genommen hatte. Ihr Herz war erfüllt von starker Sehnsucht und sie setzte sich auf den Reisenden, um ihr Gleichgewicht nicht zu verlieren. Er sah sie an, mit gekrümmtem Rücken. Doch sie sah ihn nicht in ihrem Kummer, sie sah nur einen vorüberschwebenden Ballon, ihre Erinnerung, und sie ließ ihn vorüberziehen aus Angst ihren erschöpften Arm zu heben. Doch ihr Arm hörte ihre Sehnsucht laut in seinen Adern und er zuckte kurz um sich selbstständig zu machen. Obwohl er zu schwach war, schaffte er es sich von den Dokumenten zu befreien. Als die Schülerin ihre Dokumente verlor, hörte sie in ihrem Kopf das Klirren ihrer Hoffnungen und sie wusste, dass die Lehrer ihr die Perspektive nehmen würden, die sie ihr anvertraut hatten. Verzweifelt richtete sich ihr Blick auf den Boden und zum ersten Mal bemerkte sie den Reisenden. Er war ihr umgekehrtes Spiegelbild. Er war so schön wie sie. Vorsichtig neigte sie ihren Kopf und küsste ihn auf die Stirn. „Wo kommst du her?“, fragte sie ihn. „Ich komme von einer langen Reise. Ich habe es nicht an ihr Ziel geschafft,“ antwortete er und seine Stimme färbte sich so dunkel, dass sie seinen Schmerz sofort wahrnahm.

„Wer war dein Lehrer?“, wollte sie wissen. „Ich war mein Leerer. Meine Schuhsohlen waren meine Prüfung. Doch ich habe sie nicht bestanden,“ antwortete er und seine Stimme wurde so leer, dass sie sein Herz zu sehen begann, das voller Luft war.

„Wie heißt du?“, sie blickte auf seine Knie, die mit der Straße verschmolzen waren.

„Ich heiße Niemand. Und du?“, er versuchte sie zu verstehen, sie war ihm so fremd. „Mein Name ist Jemand,“ antwortete sie. „Doch ich habe die Dokumente zu meiner Taufe verloren. Ich habe meinen Namen nicht verdient.“ Als sie traurig ihren Kopf schüttelte realisierte sie, dass er plötzlich frei war von allem Gewicht und sie musste lachen. Der Klang ihres Lachens kitzelte das Herz des Reisenden. Er lachte laut mit der Schülerin, rau, und er dachte nicht darüber nach. Mit einem lauten Knall platzte der Ballon in seinem Inneren, als der Reisende lachend nach Luft schnappte. Er war nun mit Leichtigkeit schwer genug um seine Knie vom Boden zu lösen. Obwohl sie immer in der Straße wohnen blieben, tanzten sie namenlos.

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