Kleines Kaninchen keiner Zeit

Wieder und immer wieder tickt die alte Küchenuhr in meinen Ohren, von einem wandert das Geräusch in das andere. Tack-tick, tick-tack. Die Zeit ist die größte Taktikerin, entschlossen stets zukunftsorientiert, emotional abgetrennt und gläsern dreinblickend, veredelnd, ausstellend, verkostend und unbarmherzig frei. Engel und Feind, guter Wille des Bösen, böses Spiel des guten Winks.

Tack-tick.

Jede Sekunde hört sich so gleich an. Wie kann es sein, dass so viele gleich klingende Sekunden bestehen können, die parallel aufeinander aufbauen und gleichzeitig aufeinander folgen und einen Zeitablauf kreieren, einander ablösen und gänzlich ersetzen, gänzlich auslöschen, durch feuern befördern in ein zu einem Etwas dokumentierten Nichts. Ein Haus ohne Gerüst, das den Geist eines Gerüsts zu wissen nicht braucht, zu wissen es doch aber lieber entscheidet, unabhängig von der Existenz eines Gerüsts, und trotzdem ein schwebendes Dach hätte, wären die Mauern so schief, wie sie eben auch sind. Eine Sekunde braucht die vorangegangene Sekunde zur Erhaltung des Lebens und trotzdem wäre sie ohne die Existenz einer vorangegangenen Sekunde die gleiche. Sie lacht diese aus, spielt mit ihr und liebt sie kurz und intensiv, lässt sie fallen und behält die Hülle der leblosen Vergangenheitssekunde – als Nahrung und als Trophäe. Sie ist in abhängiger Unabhängigkeit gefangen und schwingt in verführerischem Tanz für die Dauer einer präsenten Sekunde in die Zukunft, in die Vergangenheit, und verschwindet nichtssagend, sich nicht aufbäumend, wissend ergeben, gänzlich, ohne ein letztes Lebenszeichen, ohne ein verzehrendes Verglühen, klein. Sie dauert doch nur das Schlagen eines einzigen Ticks in die immer gleiche Richtung, in immer gleichem Klang.

Ich passe genau auf, wie und wie oft die alte Küchenuhr tickt und ich weiß gar nicht wie mir geschieht, als dieser scharfe Bleistift Sekunden meines Lebens von mir abtrennt, indem er sie in die Vergangenheit malt, eine nach der anderen, und ich sitze daneben mit offenem Mund und kann nur überlegen, ob ich stumm danebensitze, schreie oder davonlaufe oder was ich davon am liebsten tun würde.

Ich sitze schreiend daneben, bereit davonzulaufen, doch weiß ich, dass die unbarmherzige Küchenuhr ihre Sekunden nach mir schmeißt, als schösse sie mit tausend gekränkten Zeigern auf mich, als zöge sie gegen mich in einen lächerlichen Krieg, in dem ich in jedem Fall als lebender Verlierer mit geknicktem Kopf und zerschossenem Herzen hinausgehen würde, davon in meine determinierte Zukunft, davon auf einen mir vorgeschriebenen Weg. Die kleine Küchenuhr sitzt auf einem unantastbaren, unweigerlich unmittelbaren Thron, dem der Zeit, dem der keinen Zeit. Und ich bete sie an, ergebene Bürgerin, ergebene Bewunderin, ewig badend in bitterer Melancholie, ewig knisternd in der feurigen Hoffnung auf das Etwas im Nichts oder das Nichts im Etwas, ewig knisternd in der feurigen Hoffnung auf beides zusammen, denn nur zusammen kann ich mit der Zeit dauern, nur so kann ich aus der Melancholie hinauswachsen in klingende Glücksdreiklänge, zeitlos.

Kleines, kleines Kaninchen keiner Zeit, kleines.

Die Küchenuhr ist weiß und rund und schön und kalt und alt, sie ist sich selbst zum Opfer geworden. Sie atmet laut und schreiend. Doch ihre Seele wird immer weiterlaufen, egal in welchem Körper, egal in welchem Uhrengehäuse – dem einer modischen Armbanduhr, einer provisorischen Sonnenuhr, einer antiken Taschenuhr, ja sogar dem Anzahlgehäuse der Baumringe eines alten Weisen – die Zeit überdauert.

Was ist, wenn ich die Uhr bin und ich bin weiß und rund und schön und kalt und irgendwann alt, ich atme laut und schreiend. Und ich werde ihrem Geist zum Opfer und versuche zu laufen, um zu überdauern, um mein alterndes Leben zu laufen, um zu überdauern, und trotzdem wird sie lächelnd an meiner Seite fliegen, mitfühlend und herablassend genau an meiner Seite und in meiner Geschwindigkeit, obwohl sie schon am Ende meines Laufs war, bevor mein Startschuss überhaupt gefallen war.

Was ist, wenn mein Gehäuse mit der Zeit rennt und mir am Ende die Hand gereicht wird, von der Essenz der alten Küchenuhr und sie mir zuzwinkert und mich in ihren überdauernden Arm nimmt, mit? Und mein Gehäuse fällt, durch ein heftiges Erdbeben, das den Nagel aus der Wand reißt, an dem die alte Küchenuhr befestigt war, zu Boden und bricht in mindestens vier entscheidende Teile, unverrückbar verrückt.

Was ist, wenn ich keine Zeit brauche, da ich es selbst bin und, egal ob die Uhr von der Wand fällt, weil ich wütend mit einem Teller nach ihr werfe, die Zeit nicht erloschen ist, sondern tausendmal gezeichnet wurde, wird und werden wird, und sie doch immer die gleiche ist und immer da. Sie überdauert.

Was ist, wenn ich auch noch da bin, ein kleines Kaninchen keiner Zeit, das von sich denkt es sei ein kleines Kaninchen keiner Zeit doch eigentlich –  ist es mit der Zeit die Zeit?

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